Blechabwicklung und K-Faktor richtig anwenden
Warum CAD-K-Faktor und DIN-6935-k nicht dieselbe Zahl sind und wie eine 90-Grad-Kantung über die neutrale Faser gerechnet wird.
Die gestreckte Länge einer 90-Grad-Kantung entsteht nicht aus den Außenmaßen allein. Beim Biegen wird die Innenseite gestaucht, die Aussenseite gedehnt, und dazwischen liegt die neutrale Faser. Entlang dieser Faser wird die Abwicklung gerechnet.
Der Blechabwicklungsrechner für 90 Grad nutzt Außenmaße, Blechdicke und Innenbiegeradius. Er zeigt den CAD-K-Faktor und den dazugehörigen DIN-6935-k-Wert getrennt an. Die geprüften Stützwerte stehen in der Tabelle K-Faktor nach Biegeradius.
Andere Winkel sind im Rechner gesperrt. Der aktuelle Quellenstand belegt die 90-Grad-Rechenprobe und die Grundkonvention der Winkelbegriffe, aber nicht die vollständige DIN-6935-/Beiblatt-Geometrie für den produktiven Vollbereich.
Die K-Faktor-Falle zwischen CAD und DIN
Der Buchstabe ist ähnlich, die Zahl ist es nicht. In CAD-Systemen beschreibt K die Lage der neutralen Faser bezogen auf die ganze Blechdicke:
neutrale Faser = r + K_CAD x s
DIN 6935 verwendet eine andere Schreibweise. Dort skaliert k die halbe Blechdicke:
neutrale Faser = r + k_DIN x s / 2
Beide Schreibweisen beschreiben denselben Abstand. Deshalb gilt zwingend:
K_CAD = k_DIN / 2
Das ist der Fehler, der in der Werkstatt teuer werden kann. CAD-Programme erwarten meist einen K-Faktor etwa zwischen 0,3 und 0,5. DIN-6935-k liegt in der belegten Formel bei 0,65 bis 1,0. Wer k_DIN = 0,8 unverändert in ein CAD-Feld einträgt, gibt dem Programm K_CAD = 0,8 statt 0,4. Der Versatz der neutralen Faser wird damit verdoppelt.
Warum der K-Faktor aus r/s kommt
Der K-Faktor ist keine Werkstoffkonstante. Er hängt zuerst am Verhältnis von Innenradius r zu Blechdicke s. Der Quellenabgleich prüft die Formel an sechs Stützstellen gegen eine publizierte CAD-K-Faktor-Tabelle.
k_DIN = 0,65 + 0,5 x log10(r/s) fuer r/s < 5
k_DIN = 1 fuer r/s >= 5
K_CAD = k_DIN / 2
Bei r/s = 1 ergibt das k_DIN = 0,65 und K_CAD = 0,325. Bei r/s = 2 ergibt es rund K_CAD = 0,400. Bei r/s = 5 liegt der CAD-Wert bei 0,5. Genau diese Spannweite erklärt, warum ein einzelner “Stahl-K-Faktor” zu grob ist.
Werkstoff und Maschine sind trotzdem nicht egal. Streckgrenze, Walzrichtung, Rückfederung, Werkzeug und Biegeverfahren können den realen Wert verschieben. Darum erlaubt die Spezifikation einen eigenen CAD-K-Faktor, aber nur als bewussten Override für eingemessene Werkstattwerte.
Rechenweg zur gestreckten Länge
Im Rechner werden die Schenkel als Außenmaße bis zur gedachten scharfen Ecke eingegeben. Von jedem Schenkel wird r + s abgezogen, damit der gerade Anteil übrig bleibt:
gerade A = a - (r + s)
gerade B = b - (r + s)
Die Biegezone wird im geprüften 90-Grad-Fall als Bogen entlang der neutralen Faser gerechnet:
BA = (pi / 180) x 90 Grad x (r + K_CAD x s)
Zusammen ergibt das:
gestreckte Laenge = gerade A + gerade B + BA
In DIN-6935-Schreibweise kann dieselbe Rechnung über den Ausgleichswert v notiert werden:
v = BA - 2 x (r + s)
gestreckte Laenge = a + b + v
Die belegte Rechenprobe für a = b = 10 mm, s = 1 mm, r = 1 mm und 90 Grad liefert BA = 2,0813 mm, v = -1,9187 mm und eine gestreckte Länge von 18,0813 mm.
Winkel richtig benennen
Bei 90 Grad ist die Winkelbenennung unspektakulär: Öffnungswinkel zwischen den beiden Schenkeln und überstrichener Bogenwinkel der Biegezone sind beide 90 Grad. Bei anderen Winkeln ist das nicht mehr so.
Die Verifikation vom 27.08.2026 stützt aus zugänglichen Quellen mit Normbezug diese Lesart:
beta_DIN = Oeffnungswinkel zwischen den Schenkeln
alpha_CAD = ueberstrichener Bogenwinkel = 180 Grad - beta_DIN
Das ist die kritische Verwechslung. Wer einen Öffnungswinkel ungleich 90 Grad ungeprüft als gleich großen Bogenwinkel in eine CAD-Biegezugabe einsetzt, rechnet nicht dieselbe Geometrie. Für DIN 6935 und Beiblatt 1/2 ist im aktuellen Quellenstand zwar der Normbezug, der Öffnungswinkel-Begriff und die Existenz gerechneter Werte belegt; der Volltext mit der vollständigen Formelaufteilung nach Winkelbereichen wurde aber nicht eingesehen. Deshalb bleibt der Rechner bei 90 Grad.
Grenzen und offene Punkte
Der Rechner deckt den Rechenweg ab, nicht die komplette Umformsicherheit. Mindestbiegeradien je Werkstoff nennt diese Seite bewusst nicht — dafür fehlt eine belegte Grundlage. Unterhalb des passenden Mindestradius kann ein Teil reißen oder an der Aussenfaser unzulässig stark ausdünnen; einen konkreten Grenzwert leiten wir daraus nicht ab.
DIN 6935 gilt laut DIN-Media-Metadaten für gebogene Teile aus Flacherzeugnissen aus Stahl zur Anwendung im Stahlbau und allgemeinen Maschinenbau. Eine Übertragung auf Aluminium oder Edelstahl ist Praxiswissen, aber im aktuellen Quellenstand nicht als Normgeltung belegt.
Winkel ungleich 90 Grad sind im Rechner bewusst gesperrt. Das ist eine Quellenentscheidung, keine Aussage, dass solche Kantungen geometrisch nicht berechenbar wären. Für eine spätere Erweiterung braucht es die Einsicht in DIN 6935 beziehungsweise Beiblatt 1/2 und neue Testfälle für die jeweiligen Winkelbereiche.
Für den Zuschnitt nach der Abwicklung ist ein Weiterrechnen zum Gewicht sinnvoll: Der Werkstoffgewicht-Rechner macht aus der abgewickelten Länge das Bauteilgewicht.
Einordnung
- Data M Sheet Metal Solutions GmbH: „COPRA RF 2011 / COPRA CADFinder / COPRA SpreadSheet 2011”, Benutzerhandbuch, Abschnitt „Berechnung nach DIN Norm 6935” — Herstellerdokumentation, nicht frei abrufbar.
DIN 6935 und die Beiblätter wurden nicht im Volltext eingesehen oder nachgedruckt. Die Umrechnung K_CAD = k_DIN / 2 ist eine Konvention der CAD-Herstellerdokumentation, kein Normwert.